[zurück]


Pflege und Heildauer von Piercings


Ich habe schon alles mögliche über Risiken von Piercings gehört. Was ist dran?

Grundsätzlich ist ein menschlicher Körper nicht erfunden worden, um Löcher hineinzupicksen und Metalle hindurchzufädeln. Allerdings hat die Biologie einiges eingebaut, um mit Verletzungen fertig zu werden. Wenn Du über das nötige Wissen verfügst, ist ein vernünftiger Umgang damit durchaus möglich und es kann eine Menge Spass machen. Doch gleichgültig wieviel Du darüber gelesen hast und unabhängig davon, wie berühmt Dein Piercer auch ist, Dein neues Piercing ist eine Wunde und der Schmuck, den du darin trägst, ist ein Fremdkörper. Jede Wunde ist eine Keimeintrittspforte. Das heisst, man muss einiges über Wundversorgung wissen. Auf jedes Material kann der Koerper allergisch reagieren. Also brauchst Du Informationen über Allergien. Jeder Schmuck kann auswachsen, beziehungsweise seine Position verändern, deshalb musst Du auch darüber Bescheid wissen. Diese Risikofaktoren haben biologische Ursachen. Deshalb kann man darüber weder verhandeln noch feilschen. Unabhängig wieviel Dich Dein Piercing kostet, Du kannst Dich davon nicht freikaufen.

Diese Risiken muss man auch sehr ernst nehmen. Andere weitverbreitete Ansichten jedoch weniger. Von Nasensteckern bekommt man keine Gesichtsnervlähmung. Zwar sind psychosomatische Beschwerden grundsätzlich möglich, aber sie sind auf seelische Rückkopplungsprozesse zurueckzufuehren, die gerade bei Piercings ausserordentlich selten sind. Bis Komplikationen von Bauchnabelringen zur Bauchfellentzündung führen, muss jemand seinen Körper vollständig verwahrlosen lassen. Augenbrauenringe führen ebensowenig zur Erblindung. Andere Leute glauben, es gäbe Zusammenhänge mit Akupunktur- oder Akupressurpunkten. Diese werden zwar hin und wieder getroffen, aber man kann sie dadurch nicht dauerhaft stimmulieren. Sie veröden in kürzester Zeit. Für alternative Therapien ist das ein Nachteil, fuer Körperschmuck ist es ein Segen. Einen richtigen Kern haben diese Geschichten dennoch: Es ist sinnvoll sich mit seinem Koerper auseinanderzusetzen und mögliche Risiken ernstzunehmen. Aber wenn, dann bitte die richtigen. Nur weil manche Stories nicht wahr sind, kann ein unversorgtes Piercing oder eine zu spät erkannte Komplikation dennoch im Krankenhaus enden.


Tut das nicht weh?



Schmerzen sind etwas sehr subjektives, abhängig von der Situation und der Stimmung. Jeder geht anders damit um. Ausser dem Schmerz beim Piercen gibt es noch etwas anderes, und es ist das eigentlich Schlimme. Die Angst vor dem Schmerz. Es ist nun einmal etwas anderes sich piercen zu lassen, als Brötchenkaufen zu gehen. Es ist aber lange nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt. Für einen Bauchnabelring braucht man nicht einmal eine Betäubung. Das Stechen selbst ist ungefähr so wie Blutabnehmen und beim Einführen des Ringes wirst Du es empfinden, als ob Dir jemand fest in den Bauch kneift. Bei einem Augenbrauenring ist es noch weniger schlimm. Trotzdem kann im Einzelfall der Schmerz anders empfunden werden. Eine Betäubung ist an diesen Stellen nur mit einer Betäubungsspritze sinnvoll. Aufgesprühte Medikamente kann die Hautoberfläche nur ungenügend aufnehmen und das vom Sport bekannte Eisspray wirkt bei einem derartigen Eingriff auch nur im Kopf. Ein Piercer der so betäubt, bekämpft nicht den Schmerz, sondern die Angst vor dem Schmerz. An anderen Stellen, wie zum Beispiel den Brustwarzen, ist gepierct werden zwar durchaus auszuhalten, aber es drückt schon ganz schön, so dass hier eine örtliche Betäubung mit einer Spritze sinnvoll sein kann. Aber Vorsicht! Zum örtlichen Betäuben benötigt man ausser dem entsprechenden Fachwissen auch eine staatlich anerkannte Ausbildung. Ausserdem muss diese Tätigkeit dem Gewerbeaufsichtsamt und dem Gesundheitsamt gemeldet sein. Das wissen viele nicht mal. Deshalb ist illegales Betäuben nicht selten. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Piercer, die es dürfen. All diese Fragen solltest Du bei Deinem Piercer vorher klären. Sinnvoll ist es auch all diese Dinge bereits zu wissen, bevor man zum eigentlichen Stechtermin geht. Viele seriöse Piercer verlangen sogar, dass man deswegen und auch wegen anderer Fragen bereits vorher einmal da gewesen ist. Die meisten Leute ärgern sich hinterher, dass sie sich so aufgeregt haben. So schlimm war es gar nicht. Aber auch beim zweiten Mal ist die Angst wieder da. Aber das Angst-haben dürfen ist schliesslich im Preis mit drin.


Wann weiss ich, dass es verheilt ist?



Noch lange nicht alles, was verheilt aussieht, ist auch verheilt. In der Tat gibt es in der herkömmlichen Medizin kaum Wunden, die mit einem Piercing zu vergleichen sind. Auch ein Tattoo ist in keiner Weise derart entzündungsgefährdet wie ein Piercing.

Bei einem Piercing muss sich nicht nur eine Wunde schliessen, sondern eine kommplett neue Hautoberfläche bilden. Sie muss alle Abwehrmechanismen entwickeln, die Haut sonst auch hat, bis hin zu Talgdrüsen. Das dauert, abhängig von der Stelle, zwischen einem halben und einem Jahr. Bei Schleimhautpiercings geht es etwas schneller. Trotzdem sind Heilzeiten von 6 oder gar 3 Wochen medizinisch unmöglich. Wenn manche Piercer solche Zeiträume angeben, zeigen sie lediglich Verkaufstalent. Selbst ein Ohrloch braucht in der Regel ein halbes Jahr, bis es komplett ausgeheilt und wiederstandsfähig ist. Solange sollte man jedes Piercing aufmerksam beobachten und pflegen. Oft passieren gar keine Komplikationen. Dann sieht das Piercing verheilt aus und man glaubt leicht, es wäre immer so. Darauf kann sich aber niemand verlassen. Nur weil man einen Motorradfahrer kennt, dem in zehn Jahren nichts passiert ist, setzt sich ja auch niemand für die Abschaffung der Helmpflicht ein. Solange der Stichkanal nicht vollständige eigene Schutzmechanismen entwickelt hat, kommt es ständig zu mikroskopisch feinen Verletzungen. Für Krankheitserreger sind diese Öffnungen durchaus gross genug und können zu Entzündungen führen. Das Alter eines Piercings ist aber alleine kein Maßstab. Man kann nicht nach ein paar Monaten beschließen: "So jetzt ist mein Ring verheilt". Es gibt immer wieder Leute, deren Stichkanäle auch noch nach 5 Jahren nicht verheilt sind. Das hängt mit einer schlechten Pflege oder mit falsch ausgewähltem oder unproportioniertem Schmuck zusammen. Es gibt nur ein Zeichen dafür, dass ein Stichkanal vollständig abgeheilt ist. Dann bildet sich ein fettiger, talgiger Belag darauf, der leicht muffig riecht. Damit verteidigt sich die Haut gegen Eindringlinge und hält sich geschmeidig. Es ist dann nicht rot, nicht heiss und nicht hart, sondern fühlt sich einfach gut an.

Autoren: Wulf und Ute Coulmann
[zurück]


facit
Coulmann & Coulmann Handelsgesellschaft
Inh. Wulf Coulmann Barfausstr. 13   13349 Berlin
http://www.facit-facit.de Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht
Weitergabe und Veröffentlichung
unter Quellenangabe erlaubt