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Wie finde ich den richtigen Piercer


Einen guten Piercer (oder auch eine Piercerin) findet man noch schwerer als einen guten Arzt oder Anwalt. Das heisst zunächst, dass nicht jeder, der sich mit einem Titel schmueckt, auch qualifiziert ist. Im Gegensatz zu Ärzten oder Anwälten gibt es auch niemand, der diesen Titel verleiht. Grundsätzlich darf sich jeder so nennen. Deshalb muss jeder, der sich piercen lassen will, selbst diese Prüfung übernehmen.


Maßstab Nr. 1: Die Hygiene



Schmuddelige Hinterhofstudios mit schönklingenden Namen gibt es viele. Aber nur weil jemand keine Hightechmöbel rumstehen hat, muss es deshalb nicht unhygienisch zugehen. Einwandfreie hygienische Zustände ist mehr als nur kein Dreck in den Ecken. Fürs Piercen heisst das immer "steriles Arbeiten". Das bedeutet nicht nur, dass jemand eine Flasche Desinfektionsmittel aufschrauben kann, sondern die ganze Handhabung drumrum. Viele aufgerissene Einwegverpackungen sind beeindruckend, nützen aber nichts, wenn derjenige nicht gelernt hat, damit umzugehen. Das Problem beim sterilen Arbeiten ist, dass man sich ganz genau merken muss, welche Gegenstände und Arbeitsflächen steril sind und welche nicht. Sobald jemand nämlich etwas berührt, das unsteril ist, ist es vorbei. Und dafür braucht man sehr viel Wissen und Übung. Zum Beispiel darf man sich nicht mal aus Versehen die Brille wieder auf die Nase schieben. Sonst kann man wieder von vorne anfangen. Viele alltägliche Handgriffe passen nicht zu dieser Arbeitsweise und die neuen müssen gelernt und geübt werden. Allein das Anziehen von sterilen Handschuhen ist ein kleines Kunststück für sich. Das kann schon mal nicht jeder. In vielen medizinischen Berufen ist es Teil der Ausbildung. Aber nicht jeder, der mit Medizin zu tun hat, hat diese Technik gelernt. Für Krankenhauspraktika oder Zivildienst ist es sicher die absolute Ausnahme. Steriles Arbeiten kann jemand aber auch ausserhalb der Medizin gelernt haben, beispielsweise in einem Labor oder bei der Produktion von Mikrochips. In jedem Fall braucht es aber gute theoretische Grundlagen und einige Monate Übung. Frag nach, wo und wann dein Piercer steriles Arbeiten gelernt hat und welchen Abschluss er hat. Wenn Dein zukünftiger Piercer bei dieser Frage stottert, wechsel den Laden. Mit steril ist es wie mit schwanger, ein bisschen davon gibt es nicht.


Maßstab Nr. 2: Die Aufklärung



Jedes Piercing ist juristisch eine Körperverletzung und nur dann nicht strafbar, wenn man einwilligt. Einwilligen kann man aber, wie bei einer chirurgischen Operation auch nur dann, wenn man über alle Risiken, Nebenwirkungen und Pflegemassnahmen vollständig und verständlich informiert worden ist. Dazu gehört auch, das jede noch so unsinnige Frage beantwortet werden muss. So ein Gespraech wird, wenn es vollständig ist, mindestens eine halbe Stunde dauern. Wenn gar kein Gespraech stattfindet, der Piercer sich davor drückt oder Deine Fragen nicht oder nur schlecht beantwortet werden, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass derjenige sein Handwerk nicht versteht. Wahrscheinlich wird sich bei Dir auch keines der genannten Risiken realisieren. Trotzdem musst Du sie kennen, für den Fall, dass gerade Du das falsche Ende der Statistik erwischt hast. Umgekehrt kannst Du noch soviel über Piercing wissen, Dein Piercer ist juristisch verpflichtet, Dich umfassend selbst zu informieren. Er darf sich nicht darauf verlassen, dass Du irgendwo schon das Richtige gelesen oder gehört hast. Sonst macht er sich strafbar. Also fass es nicht als Bevormundung auf, wenn Du Dir bestimmte Dinge nochmal erklären lassen musst, sondern hör es Dir einfach nochmal an. Sicherheit und Information gibt es nie zuviel, höchstens zu wenig.


Maßstab Nr. 3: Die Nachsorge



Trotz aller Vorsichtsmassnahmen kannst Du Pech haben. Dein Piercing entzündet sich, wird rot, heiss oder hart. Es kann sein, dass Du irgendwo hängengeblieben bist und der Kanal ausreisst oder auch von selbst anfängt zu wandern. Manchmal fängt es sogar an zu eitern. Grundsätzlich kannst Du in diesen Fällen einen Arzt aufsuchen. Immer noch sind manche Aerzte auf Körperschmuck nicht vorbereitet und kennen sich nicht aus. Deshalb kann es besser sein, wieder zu Deinem Piercer zu gehen. Er hat oft sogar mit diesen Komplikationen mehr Erfahrung. Er wird gerne auch mit dem Arzt Deiner Wahl zusammenarbeiten. Ein Piercer, der Dir nicht bereits bei Deinem allerersten Besuch anbietet, Dir in solchen Situationen auf jeden Fall zu helfen, ist nicht der Richtige. Es ist gar nicht so schwierig zu lernen, wie man ein Loch in einen Körper macht. Wichtiger ist, dass Dein Piercer weiss, was zu tun ist, wenn etwas schiefgeht. Dafür, nicht nur für das Stechen selbst, braucht er seine Sachkunde. Aber auch ohne Komplikationen ist die Nachsorge für Dich wichtig. Vielleicht möchtest Du mal ein anderes Schmuckstück und Du weisst nicht, wie man es austauscht. Auch dann sollte jemand da sein, der Dir weiterhilft. Deshalb ist es wichtig, dass Dein Piercer eine feste Adresse hat und nach Möglichkeit auch nicht allzu weit weg wohnt. Der weltbeste Piercer in New York nützt Dir hier nichts. Nach Möglichkeit solltest Du auch eine Telefonnummer haben, am besten noch mit festen Zeiten, unter der Du ihn erreichen kannst. Ein Piecer, der Dich sticht und dann für zwei Monate in Urlaub fährt, handelt nicht sehr verantwortungsbewusst.


Maßstab Nr. 4: Öffentlichkeit



Es gibt eine Reihe von Behörden, die einen Piercer in Deinem Interesse überwachen. Dazu gehören Gewerbeaufsicht und Gesundheitsamt. Diese Einrichtungen können aber ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn Dein Piercer gemeldet ist. Viele Piercer scheuen diese Anmeldung oder wissen nicht einmal, dass sie das tun müssen. Solche Piercer arbeiten illegal. Sie haben den Vorteil, dass sie keine Beiträge oder Steuern auf ihre Einnahmen bezahlen und können sehr günstige Preise anbieten. Das klingt zunächst sehr gut. Die Unterschiede zwischen echten und illegalen Piercern sind auch beachtlich. Billigstudios haben für Dich aber den Nachteil, dass sie fast immer keine Haftpflichtversicherung haben. Das wird immer dann wichtig, wenn Dein Piercer irgendeinen Fehler gemacht hat. Das kann auch einmal ganz unbeabsichtigt geschehen. Wenn Du dann zum Beispiel durch so einen Fehler hässliche Narben hast, springt die normale Krankenkasse für die Beseitigung nicht mehr ein. Ohne die Versicherung hast Du aber kaum Chancen, die Kosten dafür wiederzubekommen. Ein seriöser Piercer hat daran gedacht und sein Gewerbe angemeldet und versichert, auch in seinem eigenen Interesse.


Maßstab Nr. 5: Vertrauen



Zu all diesen Maßstäben kommt persönliches Vetrauen hinzu. Vertrauen kann aber alle zuvor genannten Kriterien nicht ersetzen, höchstens ergänzen. Alle Sympathie nützt Dir nichts, wenn die Hygiene nicht stimmt. Umgekehrt hilft aber auch alle Seriösität nichts, wenn Du Dich bei deinem Piercer nicht wohlfühlst. Im Zweifel bleibt nichts anderes übrig, als das ersehnte Piercing doch noch einmal zu verschieben und weiterzusuchen. Wenn Du Dich aber für einen Piercer entschlossen hast, solltest Du ihm aber auch wirklich vertrauen. Hör zu, befolge die Pflegehinweise genau und geh so frühzeitig wie möglich wieder hin, wenn etwas schiefzulaufen droht. Fang nicht eigenmächtig mit Therapien an, nur weil Dir beim Bier jemand den allerneuesten Tip gegeben hat. Dieses Halbwissen kann für Dich gefährlicher sein als alles, was Dein Piercer Dir erzählt hat. Kein Piercer kann es sich leisten, Dir Blödsinn zu erzählen, wenn er weiterhin sein Gewerbe ausüben will. Das heisst, dass er am sichersten fährt, wenn er Dich gut informiert. Eine bessere Rückabsicherung kannst Du gar nicht haben. Vorher prüfen - hinterher vertrauen.

Autoren: Wulf und Ute Coulmann
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